Wie die KI-Einführung mit Entra ID, Purview, SharePoint und OneDrive gelingt
Das Wichtigste in Kürze
- Microsoft 365 Copilot und Claude arbeiten mit den Berechtigungen des angemeldeten Benutzers. Was heute überteilt ist, wird mit KI schneller gefunden.
- Die erste Frage für die Geschäftsführung lautet deshalb: „Wer kann heute was sehen?“ Die Wahl des Werkzeugs folgt danach.
- Die Reihenfolge ist entscheidend: Identitäten in Entra ID bereinigen, Überteilung in SharePoint und OneDrive finden und beheben, Sensitivity Labels und DLP in Microsoft Purview einführen, dann mit einer Pilotgruppe starten.
- Für Claude Enterprise bietet Microsoft Purview inzwischen eine Anbindung für Audit und eDiscovery, aber nicht alle Schutzfunktionen, die für Copilot verfügbar sind.
Viele Unternehmen beginnen die KI-Einführung mit der Produktfrage: Copilot, Claude oder beides? Die Frage kommt zu früh. Beide Werkzeuge greifen auf Dokumente, E-Mails und Chats zu, auf die der Benutzer bereits Zugriff hat. Sie umgehen keine Berechtigungen, machen aber sichtbar, was über Jahre gewachsene Freigaben bedeuten.
Dieser Beitrag beschreibt, in welcher Reihenfolge Sie die Grundlagen in Microsoft Entra ID, SharePoint, OneDrive und Microsoft Purview schaffen, damit die Einführung einer Prüfung standhält.
Warum ist Oversharing das eigentliche Risiko bei Copilot und Claude?
Oversharing bezeichnet Inhalte, die für mehr Personen zugänglich sind, als fachlich nötig wäre. Typische Ursachen sind Links für die gesamte Organisation, Websites mit der Gruppe „Jeder außer externen Benutzern“ (Everyone except external users) als Mitglied, unterbrochene Berechtigungsvererbung und Websites ohne verantwortlichen Besitzer.
Ohne KI fallen diese Freigaben selten auf, weil niemand gezielt danach sucht. Ein KI-Assistent durchsucht dagegen alles, worauf der Benutzer Zugriff hat, und fasst es zusammen. Eine Gehaltsliste in einer falsch freigegebenen Ablage taucht dann in einer Antwort auf. Das Risiko liegt also in den Berechtigungen.
Welche Frage sollte die Geschäftsführung vor der KI-Auswahl stellen?
„Wer kann heute was sehen, und wissen wir das belastbar?“ Ist die Antwort unklar, ist die KI-Einführung zunächst ein Berechtigungsprojekt. Für die Geschäftsführung bedeutet das drei Entscheidungen: ein Budget für die Bereinigung vor dem Rollout, eine verantwortliche Person je Datenbereich und die Bereitschaft, den Rollout zu staffeln statt alle Lizenzen am ersten Tag zu verteilen.
Wie bringen Sie Entra ID vor der KI-Einführung in Ordnung?
KI-Werkzeuge erben jede Schwäche der Identitäten. Ein übernommenes Konto mit KI-Zugang findet sensible Inhalte schneller als ein Angreifer ohne KI. Vor dem Rollout sollten deshalb drei Punkte erledigt sein:
- MFA für alle Konten, für Administratoren mit phishing-resistenten Verfahren wie Passkeys.
- Conditional Access, also Regeln, die den Zugriff an Bedingungen wie ein konformes Gerät knüpfen. Die KI-Dienste sollten keine Ausnahme bilden.
- Gastkonten prüfen. Gäste aus abgeschlossenen Projekten behalten oft Zugriff auf Teams und SharePoint-Websites. Regelmäßige Access Reviews in Microsoft Entra ID Governance entfernen diese Zugriffe nachvollziehbar.
Wie finden Sie überteilte Inhalte in SharePoint und OneDrive?
Die Werkzeuge dafür liefert SharePoint Advanced Management (SAM). Die hier genannten SAM-Funktionen sind in Tenants mit Microsoft-365-Copilot-Lizenzen enthalten; prüfen Sie den genauen Umfang für Ihren Tenant.
- Data-Access-Governance-Berichte. Im SharePoint Admin Center unter Reports > Data access governance zeigen sie unter anderem Websites mit Freigaben für „Jeder außer externen Benutzern“, Freigabelinks für die ganze Organisation und den Berechtigungsstand je Website.
- Site Access Review. Aus den Berichten heraus beauftragen Sie die Website-Besitzer, die Zugriffe auf ihre Websites zu prüfen. Das verteilt die Arbeit auf die Personen, die die Inhalte kennen, und erzeugt einen dokumentierten Vorgang.
- Restricted Content Discovery als Überbrückung. Für Websites, deren Bereinigung länger dauert, lässt sich die Website mit Restricted Content Discovery aus der organisationsweiten Suche und aus Copilot-Antworten herausnehmen. Die Berechtigungen bleiben dabei unverändert. Die Funktion ist als vorübergehende Maßnahme gedacht; sie gilt nur für SharePoint-Websites, nicht für OneDrive.
Die häufig genannte Alternative Restricted SharePoint Search zieht Microsoft zurück: Seit dem 31. Juli 2026 lässt sie sich nicht mehr neu aktivieren. Nachfolger ist Restricted Content Discovery. Keine der beiden Funktionen ändert Berechtigungen; sie ersetzen die Bereinigung nicht.
Ergänzend zeigt Data Security Posture Management (DSPM) in Microsoft Purview in seinen Datenrisikobewertungen überteilte Websites mit sensiblen Inhalten. „DSPM for AI“ läuft inzwischen als klassische Version weiter.
Was leisten Sensitivity Labels und DLP in Microsoft Purview für Copilot?
Sensitivity Labels sind Klassifizierungen wie „Vertraulich“, die an Dokumenten und E-Mails haften und Schutz wie Verschlüsselung mitbringen können. Für die Geschäftsführung ist der Nutzen einfach: Die Einstufung bleibt am Dokument, egal wohin es kopiert wird, und Schutzregeln können daran ansetzen.
Für Microsoft 365 Copilot greifen zwei Mechanismen:
- Nutzungsrechte. Gewährt ein Label einem Benutzer nur das Recht zum Anzeigen, aber nicht zum Extrahieren, fasst Copilot den Inhalt nicht zusammen.
- DLP für Copilot. Mit einer DLP-Richtlinie für den Speicherort „Microsoft 365 Copilot and Copilot Chat“ verhindern Sie, dass Copilot Dateien und E-Mails mit bestimmten Labels für Antworten verarbeitet. Weitere Regeln blockieren Prompts, die vertrauliche Informationstypen enthalten, oder die Websuche für solche Prompts. Starten Sie solche Richtlinien im Simulationsmodus.
Für die Nachvollziehbarkeit erzeugt Microsoft Purview Audit für jede Copilot-Interaktion einen Eintrag mit dem Vorgang „CopilotInteraction“. Er enthält, welcher Benutzer wann in welcher Anwendung gefragt hat und auf welche Dateien Copilot zugegriffen hat, einschließlich des Labels der Datei. Das ist in Audit (Standard) enthalten, sobald Copilot lizenziert ist und genutzt wird.
Wie wird Claude Enterprise in dieselbe Logik eingebunden?
Claude Enterprise wird über Single Sign-on an Microsoft Entra ID angebunden, die Benutzer werden über SCIM bereitgestellt. Damit gelten für die Anmeldung dieselben Conditional-Access-Regeln wie für andere Unternehmensanwendungen, und ausgeschiedene Mitarbeitende verlieren den Zugang mit der Deaktivierung ihres Kontos.
Bindet man Claude über den Microsoft-365-Connector an SharePoint und OneDrive an, greift Claude mit den Berechtigungen des angemeldeten Benutzers zu. Die Bereinigung aus dem vorigen Abschnitt schützt also auch hier. Prüfen Sie im Pilot, welche Berechtigungen die Unternehmensanwendung in Entra ID anfordert, und erteilen Sie die Zustimmung zentral als Administrator.
Microsoft Purview unterstützt Anthropic Claude (Enterprise) über einen Connector, der als Vorschau (Stand Oktober 2026) gekennzeichnet ist und die nutzungsabhängige Abrechnung von Purview voraussetzt. Unterstützt werden unter anderem DSPM, Audit, Insider Risk Management, Communication Compliance, eDiscovery und Aufbewahrung, derzeit aber weder Sensitivity Labels noch DLP. Die Label-basierten Copilot-Sperren wirken also nicht auf Claude. Wo Claude sensible Bereiche erreicht, müssen die Berechtigungen selbst stimmen.
Wie sieht ein prüffähiger Ablauf von Pilot bis Nachweispaket aus?
- Pilotgruppe festlegen, mit Personen aus Fachbereichen, deren Daten gut verstanden sind, und mit einem klaren Rückmeldeweg.
- Nutzungsrichtlinie verabschieden. Sie legt fest, welche Werkzeuge freigegeben sind, welche Daten nicht in Prompts gehören und wie mit Ergebnissen umzugehen ist. Welche anderen KI-Dienste technisch gesperrt werden, beschreiben wir im Beitrag Mit Global Secure Access steuern, welche KI-Werkzeuge im Unternehmen genutzt werden.
- Schrittweise erweitern, sobald die Website-Prüfungen für die betroffenen Bereiche abgeschlossen sind.
- Nachweispaket zusammenstellen. Für den Prüfer gehören dazu: die Berichte zur Überteilung vor und nach der Bereinigung, die abgeschlossenen Site Access Reviews und Access Reviews für Gäste, die Label- und DLP-Richtlinien mit Datum der Aktivierung, ein Beispielauszug aus dem Audit-Log und die verabschiedete Nutzungsrichtlinie.
Der nächste Schritt
Eine KI-Einführung ist dann Audit-ready, wenn sich für jede Freigabe zeigen lässt, wer sie entschieden hat und wie sie überwacht wird. Unser Vorgehen dafür beschreiben wir auf der Seite AI Foundation. Wenn Sie zunächst wissen möchten, wie es um Berechtigungen und Identitäten in Ihrem Tenant steht, ist das Gap Assessment zum Festpreis der passende Einstieg.
Häufig gestellte Fragen
Kann Microsoft 365 Copilot auf Dokumente zugreifen, für die ein Benutzer keine Berechtigung hat?
Nein. Copilot arbeitet im Sicherheitskontext des angemeldeten Benutzers und zeigt nur Inhalte, auf die dieser Zugriff hat. Das Risiko entsteht, wenn Benutzer Zugriff auf mehr Inhalte haben, als fachlich nötig ist. Diese Überteilung sollte vor dem Rollout bereinigt werden.
Wirken Purview-Sensitivity-Labels auch auf Claude?
Für Claude-Interaktionen unterstützt Microsoft Purview derzeit weder Sensitivity Labels noch DLP. Audit, eDiscovery, Insider Risk Management und DSPM sind über einen Connector verfügbar, der als Vorschau gekennzeichnet ist. Der Schutz sensibler Inhalte muss bei Claude deshalb über saubere Berechtigungen erfolgen.
Welche Nachweise erwartet ein Prüfer bei einer KI-Einführung?
In der Regel eine Nutzungsrichtlinie, dokumentierte Berechtigungsprüfungen, die aktiven Schutzrichtlinien mit Aktivierungsdatum und einen Beleg, dass KI-Interaktionen protokolliert werden. Mit SharePoint Advanced Management, Microsoft Entra ID Governance und Microsoft Purview Audit lassen sich diese Nachweise aus dem Tenant erzeugen.